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Trocken werden in 5 Schritten

Ohne Druck und Training Abschied von der Windel nehmen

Wie bekomm ich mein Kind dazu trocken zu werden? Wann kann mein Kind aufs Töpfchen gehen und wie lange dauert es bis wir wirklich die Windel weglassen können? Was soll ich tun wenn mein Kind keine Windel mehr will, aber auch noch in die Hose macht? Fragen über Fragen die bei Eltern auftauchen, deren Kinder sich so langsam für den Ausscheidungsprozess interessieren. Der gesellschaftliche Druck macht es oft nicht leichter. Erwarten doch manche Kindertageseinrichtungen, dass Kinder ab 3 Jahren trocken sein müssen und nicht mehr gewickelt wird. Oder Großmutters Erzählungen, dass früher ja alle Kinder mit 12 Monaten trocken waren. Um eines vorweg zu nehmen: Trocken werden ist ein Prozess für den es keine pauschalen Anweisungen gibt. Jedes Kind ist anders und wird im eigenen Tempo trocken.

3 Kinder – 3 mal anders trocken werden

Mein erstes Kind hat schon sehr früh deutlich gezeigt wann er musste. Wir haben versucht so gut es geht auf ihn einzugehen und seinem Bedürfnis gerecht zu werden, eben nicht mehr in die Windel zu machen. Unser Umfeld reagierte mit viel Unverständnis – sei er doch noch viel zu klein. Mit 15 Monaten kam er in die Krippe und auch dort hieß es: Kinder könnten frühestens mit 18 Monaten ihren Harndrang kontrollieren. Nun, ich hatte den lebenden Beweis zu Hause das dem nicht so ist – Theorie hin oder her. Ich habe mich verunsichern lassen und hörte nicht mehr auf meinen Instinkt und die Signale meines Kindes. Durch die fehlende Unterstützung in der Krippe, zog sich das Trocken werden noch eine Weile hin. Um den 2ten Geburtstag rum klappte es dann ganz gut, mit 2,5 Jahren war er komplett ohne Windel und Unfälle – auch nachts.

„Du bist der Experte für dein Kind!“

Bei Kind 2 und 3 war und bin ich nun um einiges entspannter. Ich vertraue meinen Kindern und richte mich danach was sie benötigen, sobald sie sich für den Ausscheidungsprozess interessieren. Mein zweites Kind war mit ca. 2,5 Jahren tagsüber trocken. Mit 3 Jahren braucht er auch nachts keine Windel mehr, da er zuverlässig wach wurde um zur Toilette zu gehen wenn die Blase voll war. Bis dahin gab es nachts den ein oder anderen Unfall, wenn er keine Windel anziehen wollte. Für mich ist das vollkommen ok gewesen und wir haben mit entsprechenden Auflagen vorgesorgt.
Kind 3 ist gerade 2 Jahre alt. An manchen Tagen holt er sich ganz eigenständig ein Töpfchen, zieht sich die Windel aus und erledigt was erledigt werden muss. An anderen Tagen trägt er die ganze Zeit eine Windel ohne auch nur einmal aufs Töpfchen zu gehen. Beides ist total ok! Er fängt an zu verstehen was mit ihm passiert. Merkt den (Blasen-)Druck und hat auch schon verstanden, was dann zu tun ist. Wir machen ihm keinen Druck und unterstützen ihn wenn nötig – z.b. beim Hose ausziehen, sauber machen oder beim Töpfchen suchen.

Gut zu wissen

Die Schritte zum Trocken werden sind bei Kindern im Groben immer gleich – nur der Zeitpunkt und wie lange es dauert unterscheiden sich.
1) Zunächst können die Kinder weder den Stuhl- noch den Harndrang spüren.
2) Mit zunehmendem Alter werden sie anfangen im Spiel innezuhalten und uns sogar eventuell aufmerksam machen, dass sie gerade müssen. Manche Kinder ziehen sich auch gerne zurück um ihr Geschäft in Ruhe zu erledigen. Das sollten wir unbedingt respektieren.
3) Im nächsten Schritt fangen die meisten Kinder an sich mitzuteilen, wenn die Windel voll ist. Das können wir nutzen und wertschätzend darüber sprechen. Eventuell sogar gemeinsam das große Geschäft im Klo entsorgen.
4) Jetzt ist es nicht mehr lang und das Kind wird seinen Harndrang immer früher spüren, vielleicht versucht es mit tänzeln dem Druck entgegen zu wirken oder es ist unruhig wegen der vollen Blase. Wenn wir diese Zeichen bemerken, können wir unseren Kindern vorschlagen ein Töpfchen zu benutzen. Vorsicht vor häufigem Fragen: „Musst du mal Pipi.“ Das erzeugt Druck und ist im Trocken werden Prozess eher hinderlich.
5) Das Kind kann nun seinen Harndrang kontrollieren und uns rechtzeitig vorher Bescheid geben! Aber Achtung, oft ist der Abstand von Bescheid geben und wirklich müssen noch sehr kurz. In der Regel kann auch der Stuhldrang früher kontrolliert werden als der Harndrang. Außerdem dauert das nächtliche Trocken werden noch mal länger als tagsüber. Beides ist vollkommen normal.

Was ist also zu tun als Eltern?

Eigentlich nicht viel. Es braucht kein 3-Tages-Training und auch keine Anleitung. Zunächst müsst ihr erst mal den richtigen Zeitpunkt erwischen, in dem euer Kind bereit ist sich aufs Trocken werden einzulassen. Dieser ist wahrscheinlich nicht dann, wenn gerade ein Geschwisterchen geboren wurde oder die Kitaeingewöhnung startet.

Und dann schaut ihr was euer Kind braucht. Nicht mehr und nicht weniger! Es will sich nicht mehr wickeln lassen – dann lasst ihr die Windel weg und seid auf Unfälle eingestellt. Es will sich mit Windel aufs Töpfchen setzten, dann lasst ihr auch das zu. Euer Kind möchte sich mit dem Töpfchen in eine ruhige Ecke verziehen – alles klar, dann gebt ihm die Möglichkeit. Wir lassen die Kinder frei entscheiden und unterstützen sie nach unseren Möglichkeiten.

Gebt eurem Kind Freiraum und seid vorbereitet

War es uns bei Kind 1 zum Beispiel noch möglich neben dem Töpfchen zu sitzen und ein Buch anzuschauen, ging das bei Kind 2 aus Zeitgründen nicht mehr. Davon abgesehen, wollt das Kind 2 aber auch nicht. Er fand das Töpfchen lange Zeit doof und saß da nur für max. 10 Sekunden (um dann im Stehen auf den Boden zu pinkeln). Das ist bis heute geblieben und er erledigt sein Geschäft in Windeseile, während der Ältere stundenlang auf dem Klo sitzt. Das hat sich der Jüngste auch schon abgeschaut. So holt er sich, wenn er mal muss nicht nur ein Töpfchen sondern auch gleich noch was zum Spielen.

Wir hatten eine zeitlange 3 Töpfchen im Haus verteilt und dazu noch 2 Toiletten. Hat ein Kind während des Trocken werden gesagt es muss Pipi, sind wir geflitzt und haben schnellst möglich ein Töpfchen bereit gestellt. Gerade am Anfang stellt es die Kinder vor eine immense Herausforderung den komplexen Vorgang des Toilettengangs voll umfänglich zu begreifen. Das rechtzeitige Bescheid sagen zum Beispiel um noch den Gang zum Klo und das Ausziehen der Hose zu schaffen. Das heißt für uns schnell sein und die Umgebung bestens vorzubereiten.

Das wichtigste ist, dass ihr euch nicht selber stresst. Euer Kind muss nicht mit 2 Jahren trocken sein oder weil es in die Krippe kommt oder weil alle anderen aus der Spielgruppe es schon sind. Habt Vertrauen in die Kompetenz eures Kindes und in eure eigene. Trocken werden ist ein Prozess, der geprägt sein wird von Unfällen und Rückschritten. Wir können lernen uns darauf einzustellen und vorbereitet sein. Wir stellen dem Kind eine Umgebung zur Verfügung die es ihm ermöglicht Toilette oder Töpfchen selber zu erreichen. Die Kleidung ist so gewählt, dass es sich allein entkleiden kann. Im Idealfall ist es (vor allem zu Hause) eh unten ohne.

„Der Sommer eignet sich besonders gut den Prozess zum Trocken werden zu beginnen. Lasst eure Kinder nackig im Garten spielen und sie so überhaupt es wieder merken was beim Pipi machen passiert. Viele Windelkinder kennen das Gefühl nass zu sein nicht mehr“

Achtsamer Umgang von klein an

Ihr seid nun also mittendrin im Trocken werden. Euer Kind verzichtet immer öfter auf die Windel oder sagt euch rechtzeitig Bescheid bevor es muss. Trocken werden ist ein sehr sensibler Prozess den wir auch so begleiten sollten.

Ein achtsamer Umgang beginnt allerdings schon viel früher und zeichnet sich dadurch aus, dass wir die körperlichen Grenzen unseres Kindes und sein Nein zum Wickeln akzeptieren. Das Kind gegen seinen Willen zu wickeln, sauber zu machen oder in eine Windel zu zwingen verletzt seine körperliche Integrität. Das gilt auch für die Person die das Kind wickelt – natürlich darf das Kind das selber entscheiden und Mama oder Papa bevorzugen! Sein Körper – seine Entscheidung!

Bleibt in Kontakt mit euren Kindern und werdet kreativ, was die Problemlösung angeht. Zwei meiner Kinder wurden lange Zeit in der Badewanne gesäubert mit anschließendem Wasser-Plansch-Spaß. Das klappte immer, denn sie lieben es im Wasser zu sitzen und zu spielen. Es muss auch nicht immer der Wickeltisch sein und nein, wir müssen unsere Kinder auch nicht nach jeder Pipi-Windel abwischen. Schnell im Stehen die Windel aus und eine neue an, damit das Kind sein Spiel nicht unterbrechen muss sind vollkommen ok. Genauso können wir das Kind in die eigene Pflege mit einbeziehen und es darf sich selber abwischen oder alternativ das Lieblingskuscheltier sauber machen.

Ist das Kind nun schon ohne Windel unterwegs sind Vorwürfe oder gar Strafen für nasse Hosen komplett fehl am Platz. Wir rechnen mit Rückschritten und sind vorbereitet. Wir haben Ersatzklamotten oder auch Windeln dabei, die wir bei Bedarf anbieten können. Wir reagieren IMMER wertschätzend, egal ob Unfall oder ob geglückter Toilettengang. „Komm wir machen dich trocken und ziehen dir eine frische Hose. Die anderen Sachen wasche ich. Alles ist gut“ statt, „Ich habe dir doch gesagt du sollst aufs Klo gehen. Immer muss ich deine Sachen waschen, weil du es nicht schaffst nicht in die Hose zu machen“.

Übertriebenes Lob ist allerdings genauso wenig zuträglich, ein Einfaches „Du hast in die Toilette gemacht, das freut mich!“ ist ausreichend. Wir müssen kein Feuerwerk zünden, für das erste Geschäft im Töpfchen – auch wenn ich die elterliche Euphorie natürlich nachvollziehen kann.

„Heute schon AA gemacht?“
„Na hat da jemand einen Stinker?“

Auch sollten wir Gespräche über das Geschäft unseres Kindes vermeiden. Lautstarke Unterhaltungen über den Windelinhalt in Spielgruppen oder im Flur des Kindergartens sind beschämend und die Sinnhaftigkeit möchte ich an dieser Stelle auch mal anzweifeln! Negative Worte zum Ausscheidungsprozess erschweren nachweislich das Trocken werden. (vgl. Artgerecht das Kleinkindbuch Seite 100)

Loslassen kommt von loslassen

Es gibt also kein Patentrezept zum Trocken werden. Euer Kind gibt den Zeitpunkt und das Tempo vor. Es ist an euch diesen Prozess liebevoll zu begleiten. Ihr kennt euer Kind am Besten. Habt Vertrauen! Ratschläge aus Großmutters Zeiten und Geschichten von anno dazu mal („Früher waren auch alle mit 12 Monaten trocken“) dürfte ihr ab sofort wohlwollend weglächeln. Trocken werden passiert nicht von heute auf morgen, es dauert zuweilen sogar recht lange.

„Aufs Klo gehen zu können hat mit loslassen zu tun. Deswegen lasst eure Erwartungen los und nehmt den Druck raus.“

Alles wird gut,
Eure Ines

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2 Comments

  • Reply
    Tine
    Dezember 17, 2019 at 11:29 pm

    Huhu! Gelungener Artikel, finde ich, ubd gehe in allem mit – mag allerdings zum 1. Punkt ergänzen, dass Babys wohl durchsus von Anfang spüren & uns auch signalisieren, dass sie mal müssen. Leider ist uns diesen Wissen abhanden gekommen, so dass wir die Signale nicht wahrnehmen/ verstehen und die Babys mit der Zeit verlernen, Signale zu geben… und dann halt erst später wieder lernen, sich diesbezüglich zu spüren usw.
    Habe dies leider selbst erst in meiner 3. Schwangerschaft gelesen & dann vorbereitend einen Workshop dazu besucht. So interessant & beeindruckend! Möglicherweise gehört unser 3. Mäuschen zu den wenigen Kindern, die es tatsächlich noch nicht spüren (unter 4%), oder ich habe es einfach nicht wahrgenommen im Alltag mit noch 2 größeren kleinen Geschwistern. Bei den beiden lief es übrigens wie von dir beschrieben – „Durchbruch“ kam jeweils im Sommer, als sie 2 waren. Da dürfen wir mit unserem Jüngsten (der im Sommer 2 geworden ist) nun noch ein Weile geduldiger sein… Liebe Grüße, Tine

    • Reply
      Ines
      Januar 15, 2020 at 7:50 pm

      Liebe Tine, vielen Dank für deine Ergänzung. Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt. Ich habe mich beim zweiten Kind auch mit Windelfrei beschäftigt, aber bin grandios gescheitert 🙂
      Alles Liebe Ines

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